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Einarmig

  • Autorenbild: Astrid Sommer
    Astrid Sommer
  • 23. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Über die Dinge


Die Dinge des Lebens, ja, es gibt viel darüber zu sagen.

Möglicherweise sogar zu berichten.

Über die großen und die kleinen, und, je nach persönlicher Betrachtung, kann das Kleine genauso auch Groß sein.

Das hängt mit der Gewichtung des einzelnen zusammen.

Mit der Perspektive, sicher irgendwann im Laufe des Lebens auch mit dem Alter, dem eigenen.

Und dem Sehen, ohne Sprache, dem eigenen Erlebten.


Während kleine Kinderhände im sanften Sonnenlicht systematisch die weißen Anhängsel einzelner Ameisen untersuchen, die sich emsig unter den schiefen grauen Terrassenplatten aus Beton vor der grünen Küche befinden. Die von der Witterung teilweise schräg gestellten Bodenquadrate lassen sich nicht unbedingt leicht derart verrutschen, so dass die kindliche Betrachtung mit ernsthafter körperlicher Mühe damit beschäftigt ist, sich erstmal nicht die Finger einzuklemmen, um ans eigentliche Ziel vorzudringen:

Der völlig autark geordnete in sich funktionierende Microkosmos aus stinknormalen Bodenameisen.

Welch ein Gewusel dieser kleinen Lebewesen und der neugierig fokussierte kindliche Blick haftet auf all den kleinen schwarzen Tierchen, zur Eiablage bereit. Dabei wird ein eigener Kosmos entdeckt, eine Art Ordnung vernommen.

Faszination und Versenkung für den einzelnen Moment spielen dabei eine große Rolle.

Das ist die Welt.

Eine eigene Welt, voller getriebener Wichtigkeit, jeder Moment zählt, es könnte der letzte sein.

Die Kinderaugen beobachten staunend.

Und das Kind versteht, alles, ausnahmslos alles unterliegt einer in sich fest verankerten Ordnung.

Die Welt funktioniert nicht ohne Ordnung.

Das Verrutschen der Bodenplatten erzeugt Unruhe im System.

Ein System, das natürlich funktioniert, seinen Sinn kennt, einer natürlichen Verkettung von Abläufen folgt. In dem jeder einzelne ohne den anderen nicht auskommt.


Eine Afrikanerin besteigt im Zentrum von Paris die Metro.

Ich schätze, sie wird etwa 28 Jahre alt sein, sicher nicht älter. Um den Kopf trägt sie eine schmutzige Steppjacke in abgetragenem Blau als Versuch eines afrikanischen Kopfschmucks, wohl mehr, um in der gegenwärtigen Kälte nicht noch mehr zu frieren, der Pariser Untergrunddreck ist unübersehbar. Ich werde aus dem Schwärmen um diese Stadt herausgerissen.

Eine junge Frau, mit ausgetrockneten weißen Lippen, die Augen schreckensweit geöffnet, verklärt bittend, fordernd, wie sie in die Runde der anonymen Masse hineinblickt, nackt an ihren Beinen, zu meiner Verwunderung, tatsächlich nur eine schwarze Sneackersocke trägt, während der andere Fuß völlig pur auf dem dreckigen Metroboden neben der langen Metallstange sicher steht und sie die rechte Hand bittend in die Menge hält. Die Handfäche nach oben gestreckt, flehend, so gut das eine Hand kann, ihr Blick ist dabei nicht von dieser Welt, ein grüner dicker Daunenmantel klärt nicht auf, ob sie wirklich nur einen rechten Arm besitzt. Der linke Fuß ist nackt, übersät von Wunden.

Ich sehe sie an, unsere Blicke streifen sich.

Die restliche Pariser Gesellschaft nimmt sie nicht wahr, so scheint mir.

Sie hat ihre Bühne nur für eine Station betreten, es ist früher Nachmittag.

Der Pariser Schmelztiegel glüht inmitten all derer, die lediglich halb barfuss durch die Kälte ziehen.

Die Handfläche hat sich einmal leer entblösst, vor der Brust ausgestreckt den Arm schamhaft von rechts nach links bewegt.

Sie bleibt leer und die Handfäche schliesst sich müde zur schwachen Faust. Der entrückte Blick spricht dabei tausend Bände. Das afrikanische Feuer scheint erloschen, weit weg zu sein. Sie ist die einsockige Frau, die niemand sieht. Mit einem stumpfen Schrei im Gesicht, der alle Würde verloren hat.

Dann verschwindet sie wieder.

Ist ausgestiegen, hoffnungslos.


Die kleinen Ameisen kennen ihren Weg. Sie sind fleißig, wie mir meine Mutter aus der grünen Küche herausruft.

Fleiß ist aus meiner kindlichen Erinnerung etwas, was ich noch nicht verstehe.

Ist es fleißig, das zu tun, was von selbst aus einem heraus getan werden will, was die Ordnung des Systems verlangt, in der eine kleine Ameise Essen für eine ganz Kolonie tragen kann?


Ich erinnere mich gut.

Eigentlich sind wir wie etwas verloren gegangene Ameisen, so denke ich mir heute, während ich in der Pariser Metro sitze.

Ohne Ordnung. Ohne System. Ohne Rücksicht.

Ohne tatsächliche Menschlichkeit, da erscheinen mir die Ameisen klüger.


Die kleinen Ameisen können das Hundertfache ihres eigenen Körpergewichtes transportieren.

Was ein einzelner Mensch hingegen an Leid transportieren kann, scheint mir nicht messbar.

Wie auch.

Die Ordnung ist kaputt.


Die Sonne taucht plötzlich hinter dem Tunnel auf. Die einarmige Frau ist längst verschwunden.

Und ein Geigenspieler betritt den Zug, der seine Fahrt wieder aufnimmt.

Szenenwechsel mit sinnlicher Komponente. Einzelne Gesichtsmuskeln lassen manche Mimik etwas fröhlicher aussehen, für einen kleinen Moment.


Ich steige an der nächsten Metrostation aus.

Der heutige eisige Pariser Wind weht mir um die Ohren.

Ich bin wie eine kleine Ameise in einem mir fremden Microcosmos, mit all den Dingen.

Und gehe weiter.










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